Herbstblick.
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07.2009 - Kabylie

16 Tage in Algerien

1. Erster Eindruck:
Die Stadt war extrem dreckig. So was hab ich noch nie zuvor gesehen. Die Leute schmeißen einfach überall ihren Müll hin, am Straßenrand usw. Und keiner kümmert sich darum, dass aufgeräumt wird.
Ich bin sehr lieb empfangen worden. Ich war gerührt wie mich meine Schwingermutter sofort ins Herz geschlossen hat; und wurde überall herzlich begrüßt und von Komplimenten überhäuft.

2. Geld:
Die meisten Dinge sind sehr billig. Zum Beispiel ein Café kostet 50 Cents, eine CD kriegt man um 2 Euro und für 1 Euro kriegt man 10 Baguettes. Ein Liter Diesel kostet um die 11 Cents... Ich war überrascht, wie alt und abgenützt die Geldscheine sind, grad dass sie nicht auseinanderfallen, aber ohne weiteres noch benützt werden.

3. Sitte:
Das schockierenste war, dass die Muslime aus "Sauberkeitsgründen" kein Klopapier benutzen. Lieber waschen sie sich mit der Hand und Wasser. In jeder Toilette befindet sich also ein Wasserhahn mit einem Kübel drunter. 

4. Familie:
Am zweiten Tag haben wir viele Verwandte, Onkel, Cousinen usw. besucht. Die meisten wohnen auf dem Land, in den Bergen, das war sehr angenehm, weil es da 10 Grad kühler ist, als in der Stadt mit 40°. Am süßesten war Koceila's Oma mütterlicherseits. Wir konnten nicht mal miteinander reden, weil sie kein Französisch kann. Aber sie war die herzlichste, die freute sich unendlich mich zu sehen, nahm mich in den Arm, hörte nicht auf zu sagen, wie hübsch ich wär... 
Am dritten Tag war das erste Jahresgedenken, für den verstorbenen Opa (der Mann der liebsten Oma). So lernte ich also an die 100 Leute kennen (das sei nur die enge Familie!) was etwas viel war. Für mich auch sehr ungewohnt, dass Frauen und Männer auf Familienfesten "getrennt" sind. Sie tauschen eigentlich nur zur Begrüßung ein paar Sätze aus. Zum Essen dürfen an einem Tisch Männer und Frauen nicht gemischt sitzen.
 
5. Tradition:
Eine Tages stand plötzlich ein Schaf im Garten. Melissa (Nichte von Koceila) weinte den ganzen Tag nur noch, weil ihr das "Bää" Angst machte. Am nächsten Tag hat der Vater das Schaf geschlachtet. Dann hing es einen Tag kopfüber im Salon, das Blut tropfte aus dem Hals. Anschließend haben sie es erst klein geschnitten, im Kühlschrank verstaut, und die nächsten Tage gegessen: Fleisch, Kopf, Innereien - alles! Zu Hause Tiere schlachte, ok warum nicht. Aber man muss sie echt nicht so ins Wohnzimmer hängen, wenn 3 und 5 jährige Kinder da sind. Die waren dann nämlich echt traumatisiert. Ich hab das ertragen, aber nichts gegessen, weil ich Schaf sowieso nicht mag. Und mein Freund zum Glück auch nicht, so gingen wir dann in die Pizzeria; und mein Freund erzählte mir, dass es extra Shops gibt, wie Supermarkt oder Metzgerei gibt es Läden wo man die lebenden Tiere kauft, Hühner, Rinder, was auch immer..

6. Alkohol:
In den Restaurants gibts nur selten alkoholischen Getränke. Auch im Supermarkt wird kein Alkohol gekauft. Es gibt spezielle Läden, die Alkohol verkaufen, erst ab 14 Uhr und nur für Männer geöffnet. Fragt besser nicht warum Frauen kein Eintritt erlaubt wird :P

7. Verhalten:
Entsetzt war ich auch als wir auf dem Gemeindeamt waren. Abgesehen davon, dass das alles ganz hässlich und unorganisiert ist... Als wir raus gingen musste ich feststellen, dass am Eingang eine Warteschlange Männer war und nebenan eine Schlange mit Frauen. Das war so ein Ding, das mir mein Freund nicht mal wirklich erklären konnte. Ich nervte ihn mit meinem typischen: Was soll das, das ist doch nicht normal? Aber er wollte gar nicht erst dran denken und sich aufregen.

8. Angewohnheit:
Wenn man in der Stadt das Auto am Straßenrand parkt, dann kommt da irgend ein Typ her der für diesen Tag ein Stück Straße als die Seine erklärt hat, und Geld kassiert; obwohl das nicht legal ist. Und jeder akzeptiert das und bezahlt, weil man keine Wahl hat, da es gibt viel zu wenig offizielle Parkplätze, und man will nicht das der Typ einem das Auto klaut oder beschädigt. Die Polizei unternimmt nichts.

9. Krank:
Den fünften Tag verbrachte ich im Bett: Lebensmittelvergiftung - kam wohl vom Eis des Vorabends. Ich hatte den ganzen Morgen Bauchschmerzen. Mittags musst ich mich übergeben; ich leerte im laufe des Nachmittags meinen Magen und Darm komplett. So gings mir schon Jahre nicht mehr... Am nächsten Tag gings wieder gut und wir fuhren das erste mal an den Strand: Eine knappe Stunde von Tizi Ouzou.

10. Berberhochzeit:
Für die Hochzeit von Koceila’s Cousin hat mir Koceila’s Mutter ein traditionelles Kleid genäht, das war eine erfreuliche Überraschung. So fühlte ich mich nur halb so fremd bei dem Fest. War interessant mal eine ganz andere Hochzeit zu sehen. Obwohl ich schon ein Fest unter fremden Frauen überstanden habe, hatte ich noch immer ein Problem mit der Geschlechtertrennung. Ich fühlte mich einfach mit meinem Freund unter Männern wohler, als allein mit den Frauen. Außerdem dauern die Hochzeiten bei denen viel zu lange, 3 Tage und 3 Nächte. Vorbereiten, Essen, Aufräumen, Tanzen, Vorbereiten… immer das selbe... Und wie ich mitgekriegt hab, hat das auch viele von den Kabylen gestört. Aber die machens trotzdem. Naja. Zum Glück kam mir mein Freund dann entgegen, und schaute, dass ich viel Zeit mit ihm verbringen kann.
Traditionellerweise kauft die Familie des Mannes ein Rind, das dann zu Hause geschlachtet wird, davon hat man auch 3 Tage zu Essen... mit Couscous, was sonst!? Dann gibt es spezielle Kekse/Feingebäck. Es werden traditionelle Gedichte vorgelesen. Es gibt ein DJ, es wird getanzt: das ist eigentlich der einzige Moment, wo Frauen und Männer gemischt sind.
Irgendwann suchen sich die meisten einen Platz im Wohnzimmer, auf den Couchs oder eben am Boden verteilt und schlafen. Am nächsten Tag gehts von neuem los... bis dann am 3 Tag die Braut abgeholt wird. In vielen Familien wird das noch bis heute so praktiziert, dass die Braut abends entjungfert wird, und dann ihre Schwiegermutter das Leintuch zum Beweis sucht, ob sie eine echte Jungfrau war. Für einen Mitteleuropäer undenkbar (;

11. Religion?
Leider hatte ich kein Fotoapparat dabei, aber wir sahen tatsächlich eine Trinkwasserquelle (von denen gibt es etliche auf dem Land) an der stand: "Diese Quelle ist für Frauen reserviert, sie ist verboten für Männer."

12. Affenberg:
Als mir mein Freund davon erzählte dachte ich dass das so organisiert ist wie in Salem am Bodensee. Zu meiner Überraschung war das dann aber ein ganz normaler Wald, durch den eine Autostraße führte, und teilweise am Straßenrand haben die Leute mit Futter die Affen angelockt. War dann aber auch ganz lustig. Mir taten nur die Tiere leid, weil da ganz viel Müll am Waldrand war.

13. Blicke:
Ich hatte den Eindruck, dass ich auf den Straßen oft komisch angeschaut wurde. Ob es an meiner Kleidung lag oder einfach daran, dass ich nicht wie eine Algerierin aussehe? Komisch waren vorallem Situationen, wenn eine Frau in Schleier mich anschaut, und ich sie, und wir uns wohl beide fragen, was der andere denkt, und ob die gegenüber sich selbst oder die andere für normaler haltet. Viele Männer haben mich billig angemacht... auch wenn ich kein Dekolte oder eine Mini-Rock hatte; das passiert bei denen, sobald man keinen Schleier trägt. Interessant war auch, dass viele Frauen mit bodenlangem Kleid und Kopftuch an den Strand und teilweise auch baden gehen. Ich kam mir mit meinem Bikini fast nackt vor, zwischen den arabischen Frauen.

14. Hotel:
In der letzten Woche fuhren wir für 3 Tage in eine andere Gegend: Bejaia. Im Hotel stellte sich heraus, dass unverheiratete Paare nicht zusammen ein Zimmer nehmen dürfen. Mein Freund versuchte einen Algerier zu überreden. Der wollte uns aber nur zwei Zimmer verkaufen. Doch er hat uns ein anderes Hotel empfohlen, wo er meinte, dass die für Europäer eine Ausnahme machen. Da ging ich dann ohne Koceila an die Rezeption und erhielt ein Zimmer für zwei Personen, auch ohne Hochzeit.

15. Schönheit der Natur:
In Bejaia waren wir in einer Grotte, war sehr schön. Anschließen fuhren wir Richtung Jijel und sahen wunderschöne Küstenlandschaften. Wir besuchten einen bezaubernden Wasserfall, auch wenn er leider von den Menschen nicht geschützt wurde, im Gegenteil, jeder will seine Souvenirs verkaufen und so wird die schöne Natur von lauter Ständchen verschandelt. Wir waren dann auch an verschiedenen Stränden, die großteils sehr sauber waren, und nicht zu viele Leute, das war sehr angenehm. Vorallem eine sehr wohltuende Temperatur, nur um die 30-35 Grad.

16. Die Kabylei:
...ist recht schön. Ich war gern in den Bergen und liebte natürlich den Strand. Es gibt bezaubernde Orte und die Menschen sind sympathisch, auch wenn sie an für mich teilweise komischen Traditionen festhalten. Doch leider ist das Land in vielen Hinsichten rückständig, konservativ und unorgansiert.
In Tizi Ouzou war die Hitze kaum erträglich. Manchmal haben uns Nachts mit kaltem Wasser befeuchteten Handtüchern belegt, um schlafen zu können. Die letzten Tage stieg die Temperatur bis zu 50°C. Abends wollte es einfach nicht abkühlen. Um Mitternacht leidetden wir immer noch mit 48°C. Wir konnten nicht mal eine Erfrischungsdusche nehmen, da aus dem Wasserhahn kein kühles Wasser mehr kam; dann haben wir die Handtücher nass gemacht und in den Tiefkühlschrank gelegt, das war dass sehr hilfreich um etwas Schlaf zu gewinnen!

2.8.09 17:29
 


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